Zerrissensein
und Überwinden
(Text für den Katalog "AN MUT")
Wer Georg Weises kleine Wohnung in Berlin-Friedrichshain betritt, fühlt
sich sofort hereingeholt in blue mood und den Zeitgeist des Fin de siècle.
Ja, so war das einmal. Es ist eine sanfte innere Kraft, die die Werke
von Georg Weise bestimmt.
Er nimmt sich alle Freiheiten, ein Neu-Romantiker zu sein.
Die Signale unserer gegenwärtigen Welt werden von Weise in Landschaftsbilder,
Baumzeichnungen, Porträts und figürliche Kleinplastiken transponiert
und man empfindet, mehr als dass man sie sieht, eine Feier der Ungewissheit,
ein unablässiges Schwanken zwischen Begegnung und Abschied, Hoffen
und Bangen.
Dieses Werk wird von der Gewissheit geprägt, dass die klassische
Moderne das Repertoire möglicher Experimente, Attitüden und
Grenzerweiterungen ein für allemal durchgespielt hat. Kunst, so möchte
Georg Weise zeigen, kann sich nur durch Leben suchende Kunst erneuern,
zugleich vor- und zurückgehend. Weises poetischer Individualismus,
der mit elegischem Ton von der existentiellen Flüchtigkeit kündet,
steht damit im produktivsten Sinne dem 19. Jahrhundert nahe.
In der Neigung des Kopfes der Bronzen, Knabenfiguren, die gerade erst
am Beginn ihrer dionysischen Inkubationszeit zu stehen scheinen, klingt
Sehnsucht nach Geborgenheit an. Ein gespießter Körper, ein
aufgebrochener Brustkorb wirken erst einmal manieriert, zugleich im Oberflächenrelief
aber auch vielfältig wie eine lyrische Suite. Mit Blick auf Figuren,
die dekorative Verbindungen mit Fundstücken (stilisierten Knospen
und Blüten) eingehen, wird man einer lustvoll bekrönten Instabilität
der emotionalen Basis gewahr und genießt dieses Wechselbad. Georg
Weises Figuren zwischen Aktion und Ich-Suche zeigen in ihrer adoleszenten
Anmut Zerrissenheit und symbolisieren eine Leidenschaft im Leiden. Seine
tastende Annäherung an Körper und Erinnerungen ist ein spannendes
Ineinander auf verschiedenen Ebenen, träumerischen und phantasiezugewandten.
Sie berührt die Inseln der Verlassenheit und Schwermut ebenso wie
die Geheimnisse des Begehrens. Weises Bilder mit ihren meist grauen, morbid
bröckeligen Hintergründen, vor denen die Figuren in einem Stadium
der Unschuld platziert sind, Stille halten und nie aus der Form fallen,
sehnen sich nach Wärme, so wie der Künstler fest daran glaubt,
dass es auch heute wahre Empfindungen geben kann, zumindest als blitzhafte
Erscheinungen am Sinneshimmel.
Christoph Tannert (Mai 2008) |